Revolution – eine persönliche Mediengeschichte, Teil 1

Gerade ist ja alles im Umbruch. Ich mache jetzt Bewegtbild-Content, früher gab es nur Fernsehen. Wird mein Leben dadurch besser? Keine Ahnung, aber die Zukunft hat längst begonnen, und wir gestalten sie lieber mit, als auf einem Abstellgleis einem langsamen Siechtum entgegen zu rollen. Das meine ich jetzt gar nicht zynisch. Wie fühlt sich das denn bei Ihnen an? Ich finde, für Wehmut gibt es wenig Grund. Hier meine kleine, persönliche Mediengeschichte.

Als Medien noch neu waren

Wo komme ich her, wo will ich hin? Lebensfragen. Mein Traum war es immer Fernsehen, Video, Filme zu machen. Na, nicht immer, aber spätestens nach dem ernüchternden Semester Kunststofftechnik an der FH Würzburg-Schweinfurt im Jahre 1988. Damals herrschte in den Medien Aufbruchstimmung. Bayern war bei dem revolutionären Treiben ganz vorne mit dabei: Es soll einen privaten Rundfunk neben den Öffentlich-Rechtlichen geben. In meiner Heimatstadt Würzburg entstanden erste Lokalsender.

Für uns Twenty-Somethings eröffneten sich damit ganz neue Traumberufe. Hörfunk-Moderator, Radio-Reporter, Fernsehmacher. Mein Bruder Tilman war DJ im Airport und damit prädestiniert zum Moderator und Programmchef bei Radio Charivari Würzburg. Er besorgte mir einen Praktikumsplatz bei TV Touring, dem Würzburger Lokalfernsehen. Es war ein bizarres Abenteuer.

„Willsde mal moderier‘?“

TV-touring live mit Hypnotiseur und Catja

Fernsehen aus dem Wohnzimmerstudio: In der ehemaligen Drei-Zimmer-Wohnung des Chefs entstand der erste Sitz des Senders – Schnittregie in der Küche und Redaktion im Schlafzimmer. Der Herrscher über das Ganze war ein cholerischer Mann, der auf den Nachnamen Grenouillet hörte, und abends mit einem legendären Spruch weiblichen Nachwuchs aus den Würzburger Gassen und Kneipen lockte: „Willsde mal moderier‘?“ Die TV-Touring-Besetzungs-Couch.

Auf dem Bild rechts sendete TV-touring eine Hypnose-Show im WoZi-Studio mit Kollegin Catja als Probantin (sie geht über Glasscherben) und Kameramann Sebastian hinten rechts an der VHS-Mühle.

 

Radio Würzburg 1 Logo
Das Logo des kultigen Radiosenders W 1, der im Jahr 1992 endgültig unterging

Cool und tot

Hier konnte ich nach sechs Monaten Praktikum direkt als Lokalreporter und Nachrichtenredakteur anfangen. Learning by doing, alle Pannen gingen direkt ungefiltert On Air. Die Sendung war live und ich musste meine Beiträge auch live vertonen. Ich konnte das gar nicht. Der Redaktionsleiter wechselt zu Radio W1, ich ging mit. Radio W1 war ein Rocksender – sehr cool. Deshalb leider auch zum Scheitern, sprich zur Pleite verurteilt. Ein Drittel meines letzten Lohns habe ich mir beim Arbeitsgericht erstritten, hätte ich aber gespendet, wenn W1 dann überlebt hätte. Die bunte Radiolandschaft war längst im Formatwahn. Dafür wurden extra Formatradio-Experten aus den USA eingeflogen. In einer kleinen Großstadt wie Würzburg reicht es da nur noch für Adult Contemporary, Schlager und Pop.

Klingt jetzt doch irgendwie wehmütig.

Diese Mediengeschichte geht bald weiter.

W1-Moderatorin sitzt im Studio
Uschi, damals Lammertz, an ihrem Arbeitsplatz als Moderatorin bei W1. Foto: privat

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